Porträt von Hans „Store“ Johnsson in dunkler Jacke mit Orden auf der Brust
Hans „Store“ Johnsson, 16. Juli 1839 – 5. August 1909

Leuchtturmgeschichte

Der Lebensretter aus Mölle

„Here and there may be found men in all walks of life who neither wonder nor care how much or how little the world thinks of them. They pursue life’s pathway, doing their appointed tasks without ostentation, loving their work for the work’s sake, content to live and do in the present rather than look for the uncertain rewards of the future.“ – Sumner Kimball, U. S. Life-Saving Service.

Dies ist die Geschichte des einfachen Fischerjungen aus Lerhamn, später Kapitän aus Mölle, der schon zu Lebzeiten zur Legende wurde und Auszeichnungen aus ganz Europa erhielt.

In 38 Jahren gelang es ihm, nicht weniger als 135 Menschen vor dem Ertrinken zu retten. Alles ist gut dokumentiert, mit Zeitungsmeldungen aus aller Welt und seinen eigenen wortkargen Tagebucheinträgen. Zum Dank für seinen Einsatz erhielt er Ehrungen der britischen Regierung und wurde außerdem mit rund zehn Medaillen ausgezeichnet, unter anderem vom schwedischen König, vom deutschen Kaiser und vom russischen Zaren in St. Petersburg. Und als wäre das nicht genug, ernannte ihn der portugiesische König zum „Cavalleiro da Ordem Militar de Nosso Senhor Jesus Christo“, also zum Ritter eines Militärordens.

Man versteht schnell, dass Hans Johnsson ein außergewöhnlicher Mann war. Ein Mann, der nicht zögerte, in der Stunde der Gefahr sein eigenes Leben aufs Spiel zu setzen, um einen Menschen in Not zu retten. Alter, Rang und Nationalität spielten keine Rolle, er sah den Menschen und setzte sich für ihn ein.

Im Volksmund hieß er Store-Johnsson (der große Johnsson) oder Store-Hans, nicht nur wegen seiner stattlichen Gestalt und seiner großen Körperkraft, sondern auch wegen des Respekts, den man ihm als Mensch entgegenbrachte.

Das Seemannsleben begann früh. Schon mit neun Jahren heuerte er als Kajütjunge auf einem Schiff nach London an. Nach der Konfirmation fuhr er richtig zur See und legte zielstrebig einen Teil seiner kargen Heuer zurück, um die nötigen Prüfungen für den Aufstieg ablegen zu können. Er wurde Kapitän, zuerst auf Segelschiffen, dann auf Dampfern. Irgendwann lernte Johnsson schwimmen, damals in Schweden eine Seltenheit.

Wer seine Lebensgeschichte liest, staunt. Seine erste Rettung gelang ihm schon als 12-Jähriger, als ein Junge vor dem Kullen ins Eis eingebrochen war.

„Alles in allem 135 Menschen. Sie und alle ihre Nachkommen verdanken ihr Leben einem einfachen Fischerjungen aus Lerhamn.“

Seine späteren Rettungseinsätze erstreckten sich über ein weites Gebiet: im Stockholmer Strömmen ebenso wie in Archangelsk am Weißen Meer, im Maryland-Dock, im Ärmelkanal, im Hafen von Málaga, in Stettin und Riga, draußen auf der Nordsee ebenso wie in der Biskaya und am Bosporus. Es waren Kinder, die von Lastkähnen ins Wasser plumpsten, Kohlenträger, die ins Wasser stürzten, als die Gangway unter ihren Füßen nachgab, kleine Jungen, die von Kais fielen, und Matrosen, die über Bord gingen, Fischerboote und größere Schiffe, die in stürmischer See kenterten, Schiffbrüchige, die verlassen auf See an sinkende Schiffe geklammert gefunden wurden, alles in einem nie versiegenden Strom.

Elfmal sprang Johnsson selbst ins Wasser und schwamm zu den Ertrinkenden, in anderen Fällen ruderte er mit dem Rettungsboot hinaus. Zusammen mit seiner Mannschaft konnte er größere Gruppen von Schiffbrüchigen aufnehmen, Einsätze, die bis zu 15 Stunden dauern konnten.

Die Rettungsaktionen fanden oft unter schwierigen Bedingungen statt, auch im Dunkel der Nacht und in schweren Oktoberstürmen. Und sie geschahen immer unter Einsatz des eigenen Lebens.

Eiskaltes Wasser schreckte ihn nicht ab: Am 28. Dezember 1874 sprang er in den Hafen von Antwerpen. Ungewöhnlich ausführlich beschrieb der sonst so wortkarge Store-Johnsson ein Ereignis in Riga am 16. April 1878, als ein Lotsengehilfe ins Wasser fiel und sich in der fünf Knoten starken, eiskalten Strömung nicht am Rettungsseil halten konnte. Ohne zu überlegen, sprang Johnsson hinein.

Dass dies eine außergewöhnliche Kraftanstrengung war, zeigt sein Tagebucheintrag:

„Die Rettung war mit größter Lebensgefahr verbunden, durch den langen Aufenthalt im Wasser in Verbindung mit den Stößen, die ich von dem Boot erhielt, das im letzten Augenblick zu Hilfe kam. Von der Krankheit, die ich mir bei dieser Gelegenheit zuzog, wurde ich erst befreit, nachdem ich mich zwei Operationen unterzogen hatte.“

Im Herbst 1874 hätte es richtig schlimm ausgehen können. Der Herbst war immer eine gefährliche Zeit, und es gab keine Wetterwarndienste. Vor der Westküste Dänemarks, bei Horns Rev, geriet man in einen schweren Sturm, der bald zum Orkan wurde. Er sollte ganze drei Tage dauern. Die Ladung des Dampfers S/S Öresund bestand aus schweren Talgfässern, die auf dem Achterdeck festgezurrt waren. In der groben See mit überkommenden Brechern rissen sich die Fässer los, rollten von einer Seite zur anderen und zerschlugen alles, was ihnen im Weg war.

Store-Johnsson und zwei kräftige Besatzungsmitglieder schufteten mit der Kraft der Verzweiflung, um die schweren Talgfässer über Bord zu werfen. Plötzlich brach eine gewaltige See herein und brachte das Schiff so stark zum Krängen, dass alle Fässer zur Schlagseite rollten. Genau dort, wo sie aufschlugen, stand Hans. Die Besatzung fürchtete, er sei zerquetscht worden. Doch nein, Store-Johnsson stand wieder auf. Er musste sich allerdings mitten im tobenden Sturm für eine Stunde in die Kapitänskajüte zurückziehen, um sich zu erholen, bevor er die Rettungsarbeit fortsetzte. Gemessen an Johnssons Maßstäben deutet das darauf hin, dass er schwere Blessuren davongetragen hatte.

Der Orkan tobte unvermindert weiter, und man manövrierte, so gut es ging, Tag und Nacht. Wie fühlten sich die Männer aus Mölle auf dem rasenden Meer? Verfluchten sie ihr Schicksal oder beteten sie zu ihrem Gott? Dachten sie an ihre Lieben?

Hans Johnsson schrieb nicht über seine Gefühle in seinem Tagebuch. Vermutlich dachten sie weniger an ihr eigenes Leben als daran, das Schiff zu retten.

Am nächsten Morgen kam der Alarm: Die Bullaugen unten im Vorschiff waren zerbrochen, und das Wasser strömte herein. Alle Abdichtungsversuche schlugen fehl. Bald stand das Wasser einen Meter hoch, und der Bug begann sich nach unten zu neigen. Man fertigte Eisenplatten an, und am Morgen darauf unternahm Hans Johnsson einen letzten verzweifelten Versuch, die Öffnungen abzudichten. Halbnackt tauchte er in das inzwischen fast vollständig überflutete Vorschiff, in dem allerlei Trümmer umhertrieben. Das Boot krängte in den Wellen, und Hans Johnsson war ebenso oft unter wie über der Wasseroberfläche. Nur noch ein Fuß Luft war übrig. Nach einer halben Stunde verzweifelter Arbeit unter den denkbar schwersten Bedingungen gelang es Johnsson allen Widrigkeiten zum Trotz, die Eisenplatten zu befestigen.

Die Hoffnung kehrte zu den Männern zurück, und das Boot konnte lenzgepumpt werden. Die ganze Kohle war nass geworden, sodass man alles Brennbare der Einrichtung verfeuern musste, Stühle, Tische und Täfelung. Ramponiert dampfte man am vierten Tag nach fast übermenschlichen Anstrengungen in den deutschen Hafen Cuxhaven ein. Sie hatten Boot und Besatzung gerettet und erhielten für diese Leistung große Anerkennung von mehreren Versicherungsgesellschaften.

Eine kurze Notiz im Tagebuch berichtet von dem Ereignis, doch über die Zeitungen gelangte es an die Öffentlichkeit. Johnsson war kein Mann großer Worte, aber er war gewissenhaft mit seinen Aufzeichnungen. Hinterlassene Briefe vermitteln den Eindruck eines freundlichen und weltoffenen Mannes. Auffallend ist auch, wie unglaublich weit gereist die Seeleute aus Mölle waren.

In einer Zeit, in der die meisten kaum über die Grenzen ihrer Gemeinde hinauskamen, sah Hans Johnsson viele bemerkenswerte Orte auf der ganzen Welt. Er brachte auswandernde Juden von Palästina nach Italien und fuhr muslimische Pilger nach Mekka. Er bestieg die Pyramiden und genoss den Blick über den Nil, als einer der wenigen Schweden jener Zeit.

Während seiner Jahre im Mittelmeer interessierte er sich für Natur und Kultur und sammelte eine Menge spannender und interessanter Gegenstände, die im großen Hochschrank der Familie aufbewahrt wurden.

Hier durften Kinder und Enkel ab und zu dabei sein, wenn er den Schrank öffnete und das gezähnte, meterlange Schwert eines Sägefischs zeigte, jahrtausendealte ägyptische Skarabäen, perlmuttschimmernde mundgeblasene Tränenfläschchen und Holzgegenstände von heiligen Stätten in Palästina. Hier wurde in einem kleinen Holzkästchen auch die Gewehrkugel aufbewahrt, die seinen eigenen Sohn im Burenkrieg in Südafrika tötete. Doch wie 52 Seeleute aus Mölle und dem Norden bei Magersfontein am 11. Dezember 1899 auf sich allein gestellt gegen 8.000 britische Elitesoldaten bis fast zum letzten Mann kämpften, ist eine ganz andere Geschichte.

Viele Leben konnte er retten, aber nicht das seines Sohnes. Er erwähnt die Trauer nie, doch nach der Todesnachricht dauerte es zwei Monate, bis er wieder zu arbeiten begann.

Der Tod des alt gewordenen Kapitäns kam auf natürliche Weise, an Land. Am 5. August 1909, am ersten Tag des Generalstreiks, schied Hans Johnsson aus dem Leben, doch durch seine Taten lebt sein Andenken weiter.

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1 Belgier
1 Portugiese

Alles in allem 135 Menschen. Sie und alle ihre Nachkommen verdanken ihr Leben einem einfachen Fischerjungen aus Lerhamn.

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