Leuchtturmgeschichte
Die lange Reise der Linse
Als im Jahr 1900 der neue Leuchtturm gebaut wurde, wollte man – wie schon früher in der Geschichte des Leuchtturms Kullen – die neueste und leistungsfähigste Technik einsetzen. Nur das Beste war gut genug. Die Wahl fiel auf die geniale Prismenkonstruktion des Franzosen Augustin Fresnel, die alle Strahlen der Lampe zu einem einzigen kräftigen Lichtbündel mit großer Reichweite bündelte. Das größte Modell dieser Linse, eine Linse 1. Ordnung, sollte den Leuchtturm Kullen außerdem zum modernsten und lichtstärksten Leuchtturm ganz Skandinaviens machen. Eine solche Linse wollte man haben.
Die große Prismenlinse war bei der Firma Barbier et Benard in der Rue Curial 82 in Paris zu kaufen. Das Prunkstück kostete stolze 60.000 Riksdaler, etwa 2/3 der Kosten des gesamten Leuchtturms. Die Linse war außerdem sehr schwer: Sie wog 6 Tonnen.
Wie gelang es, die Linse im Jahr 1900 den ganzen Weg von Paris nach Mölle zu bringen?
Lange glaubten wir in unserer Einfalt, die Linse sei mit Pferd und Wagen, vielleicht auch mit der Eisenbahn transportiert worden. Doch dann trafen wir einen Einwohner von Mölle, der es besser wusste: Die Linse war auf dem Seeweg hierhergekommen. Das wusste er ganz genau, denn der Mann, der sie verschifft hatte, war kein Geringerer als sein eigener Großvater, Kapitän Georg Svensson aus Mölle. Er hatte Fotos sowohl von Georg (geb. 1869) als auch von dessen kleinem gedecktem Boot Helga, etwa 40 Fuß (ca. 12 m) lang.
Es war ein verantwortungsvoller und ehrenvoller Auftrag, den Georg erhielt, als er für die 1900 Seemeilen lange Reise durch gefährliche Gewässer nach Paris ausgewählt wurde, um die kostbare Fracht heimzuholen. Georg, genannt Jorje, war ein erfahrener Schiffer und eine bekannte Gestalt in Mölle; jeden Tag konnte man ihn im Ruffen sehen, dem Treffpunkt der Seeleute am Hafen. Er war ein hochgewachsener Mann mit buschigem schwarzem Schnurrbart (äußerlich Kapitän Haddock nicht ganz unähnlich). Er soll ein recht schweigsamer Mensch gewesen sein. Mit der dunkelblauen Schiffermütze hoch auf dem Kopf und der Pfeife im Mundwinkel war Georg vielleicht einer der letzten echten Schiffertypen in Mölle.
Die Helga war eine gedeckte sogenannte Jacht, ein kleines Boot, das in Küstennähe gesegelt wurde. Sie trug insgesamt unter 10 Tonnen Ladung und höchstens drei Mann Besatzung. Früher, in den 1890er-Jahren, hatte die Helga unter anderem „Steinschotter“ von den Ladebrücken in Mölle zu Häfen in Schonen und Dänemark gebracht. Die Fahrt nach Paris soll ihre längste überhaupt gewesen sein.
Die lange Reise
In Mölle wurden die Boote Ende März zu Wasser gelassen, die lange Fahrt dürfte daher frühestens Anfang April begonnen haben. Die Reise wirft viele Fragen auf. Wie wählte man den Tag der Abfahrt? Meteorologische Hilfsmittel für die Wettervorhersage gab es zu jener Zeit nicht. Vielleicht wurde die Frage mit den alten Seebären im Ruffen besprochen. Wie lange dauerte die Reise, und wie viele waren an Bord? Sichere Antworten haben wir nicht. Wir schätzen, dass die Reise etwa 12 Tage für eine Strecke gedauert haben muss, entlang der Küsten Jütlands, Deutschlands, Hollands und Belgiens und durch den Ärmelkanal, bevor man vermutlich die Seine hinauf bis nach Paris fuhr.
Nach dem Beladen in Paris ging es mit der kostbaren und zerbrechlichen Linse aus handgeschliffenem Kristall wieder heimwärts. Man kann sich vorstellen, dass an Bord der Jacht eine angespannte Stimmung herrschte und man sich um Ladung und Boot sorgte. Vielleicht wurde die Helga Anfang Juni von Kullaberg aus gesichtet, und es muss ein großes Ereignis gewesen sein, als Georg in den Hafen von Mölle einlief. Sicher versammelten sich Seeleute und Dorfbewohner um die Helga, um von der Fahrt zu hören und die merkwürdige Fracht zu begutachten, bevor sie auf Pferd und Wagen geladen und die steile Schotterstraße zum Leuchtturm hinaufgebracht wurde. Und im Ruffen musste Georg seine Abenteuer sicher viele Male interessierten und beeindruckten Zuhörern erzählen.
Wie kam die Linse in den Laternenraum?
Die gebogenen, scherbenähnlichen Prismen waren in Segmente eingefasst und lagen gut verpackt in Holzkisten mit schützendem Krollsplint (getrockneten, rosshaarähnlichen Palmblattfasern). Die Segmente wurden in den Leuchtturm hinaufgezogen oder -getragen und dort zusammengesetzt. Auf jedes Segment hatte der Hersteller seinen Namen und eine Nummer eingraviert, und der Rahmen war entsprechend markiert. So wusste man, in welcher Reihenfolge und an welcher Stelle sie hingehörten. Die ganze Linse wurde also erst im Laternenraum zusammengeschraubt, und sie ist groß: Jede der drei Teillinsen misst 2,55 m im Durchmesser.
Am 9. September 1900 wurde der Leuchtturm zum ersten Mal mit der neuen Superlinse entzündet und wurde damit zum lichtstärksten und höchstgelegenen Leuchtturm Skandinaviens. Seitdem dreht er sich treu und leuchtet den Schiffen den Weg. Wer neben der Linse steht und ihrem Lauf folgt, kann sich ihrer Kraft nicht entziehen.